Liebe Leserinnen und Leser,

keine Frage: die Situation ist ernst. Viele von uns haben ein mulmiges Gefühl im Bauch. Manche haben Herzklopfen, manche machen sich Sorgen. Andere entdecken Krankheitssymptome an sich oder fragen sich,warum sie ausgerechnet jetzt einen Schnupfen und Husten bekommen. Ich finde solche Verhaltensweisen ausgesprochen verständlich und einfach nur normal. Niemand von uns hat eine solche Situation bisher erlebt und niemand von uns weiß mit Sicherheit, wie lange sie gehen wird und welche Herausforderungen noch auf uns zukommen.

Als wir vor einigen Tagen begannen, in der Gemeinde zu überlegen, was wir alles verändern müssen, traf ich meinen Kirchenmusiker-Kollegen Johannes Stolte in der Kirche. Als ich ihn fragte, wie es im gehe, antwortete er schmunzelnd, aber auch ein bisschen gequält: „Na, ja, wie es eben so ist: wir fahren auf Sicht.“ Mir ging diese Redewendung nach: „aufSicht fahren“. Es bedeutet, dass man zum Beispiel im Schiffsverkehr oder beim Autofahren nicht viel sehen kann und besonders vorsichtig fahren muss. Nur, wenn man auf Hindernisse innerhalb des Sichtbereiches reagieren kann, nicht zu schnell fährt und rechtzeitig anhalten kann, sind Massenkarambolagen vermeidbar.

Natürlich ist es nicht nur ängstigend, sondern auch sehr nervig und gefährlich, wenn ganze Gesellschaften auf Sicht fahren. Wir alle wollen die Situationen kontrollieren können, in denen wir uns bewegen. Wir wollen nicht auf Sicht fahren, sondern gute Fernsicht haben – und schnell sein wollen viele auch.

Aber jetzt ist es nun mal so: Wir fahren auf Sicht. Und in dieser Situation ist es erstens gut, dass wir das Leben verlangsamen und zweitens, dass wir überhaupt noch etwas sehen und darauf reagieren können. Und drittens ist gut, dass es ein „WIR“ gibt oder genauer viele „WIRS“. Wir in der Gemeinde z.B. können uns verabreden, wie wir unseren Auftrag, den lebendigen Christus zu bezeugen, jetzt leben können. Es fiel uns sehr schwer, so viele Veranstaltungen und Angebote des Miteinanders abzusagen. Erst in den nächsten Tagen werden wir die Alternativangebote entwickeln können: Andachten im Internet, eine Telefonhotline und wer weiß, was uns und Ihnen noch einfällt.

Eins aber möchte ich an dieser Stelle schon allen sagen: keine falsche Scham, wenn Sie in Sorge sind, wenn Sie jemanden zum Sprechen brauchen, wenn Sie jemanden brauchen, der für Sie betet. In der Bibel findet sich auffällig oft der Satz: „Fürchte dich nicht!“. Das heißt zu aller erst, dass es viel Verständnis gibt für Furcht und es heißt auch: Du bist nicht allein. Es gibt Menschen, in deiner Nähe, denen du nicht egal bist, sei es deine Freundin, dein Kind oder ein Mitglied deiner Kirchengemeinde. Und Gott bist du nicht egal. Gott steht auf der Seite des Lebens, des gelingenden Lebens, immer. Gott steht auf der Seite derer, die sich ihr mulmiges Gefühl „wegtelefonieren“ oder „wegskypen“, „wegdenken“ oder „wegbeten“.

Und auf der Seite derer, die sich das nicht trauen. Gott steht auf der Seite auch derer, die jetzt nicht mehr im Fokus der Öffentlichkeit stehen: der sowieso schon immer durch Krankheiten gefährdeten Obdachlosen, der Flüchtlinge an der griechisch-türkischen Grenze, die noch nicht einmal ein Dach über dem Kopf haben, geschweige denn Heizung und Information. Gott steht an der Seite der Menschen unter uns, die unter Angststörungen und Einsamkeit leiden und es in diesen Tagen besonders schwer haben.

Also, ihr Lieben, meldet euch, wenn es euch nicht gut geht, wenn eure tollen Kinder euch in eine Zerreissprobe stellen, weil ihr „nebenbei“ arbeiten sollt – oder wenn ihr schlicht einsam seid. Meldet euch bei Menschen, denen ihr traut, meldet euch auch gerne bei uns.

Eine Mutter in Quarantäne hörte ich in einer Dokumentation sagen: „Ich habe keine Angst vor dem Virus, aber ich habe Angst davor, was der Virus aus Menschen machen kann.“ Ja, dachte ich, wir werden sehen, manche Menschen werden einfach harte dumme Egoisten sein, aber andere werden freundliche Engel sein. Wir in der Gemeinde setzen auf die Engel. Gott sendet sie aus, wenn sie gebraucht werden, um zu trösten, zu lindern oder auch einfach um uns auszurichten, dass wir irgendwann nicht mehr auf Sicht fahren werden, sondern zuerst die Vögel hören und die Sonne auf der Nase spüren und zuversichtlich sind, dass wir wieder mit guter Fernsicht unterwegs sind.

Gott segne Sie, Ihre Pfarrerin Ute Gniewoß