Reaktionen auf das Triptychon in der Heilig-Kreuz-Kirche
3. Dr. Christian Staffa
Christus im Holocaust
Schon der Titel des Triptychons von Ismond Rosen, das seit 13 Jahren in der Heilig-Kreuz-Kirche steht, ist so wahr wie in der Mehrzahl der christlichen Köpfe und Herzen noch nicht angekommen. Jesus war Jude und wäre, selbst als Getaufter, ermordet worden, wie Ismond Rosen richtig schreibt. Gerade dieser Gedanke macht einerseits die Unzertrennlichkeit jüdischer und christlicher Tradition und Ethik, Lebens- und Denkformen, wie auch das Ungeheuerliche an dem Versagen der christlichen Kirchen nicht nur, aber besonders während der NS-Zeit, schmerzhaft deutlich. Diese Deutlichkeit lässt mich die klassisch geprägte Verbindung heutiger abendländischer Selbstbeschreibung jüdischchristlicher Werteorientierung oder Ähnliches mehr als zögerlich in den Mund nehmen. Damit widerspreche ich in gewisser Weise Ismond Rosen, der diese enge Verbindung sieht, aber auch die Notwendigkeit, sie noch enger werden zu lassen. Diesem Satz kann ich mich als Satz der Hoffnung einer noch in aller Demut zu schaffenden gemeinsamen Ethik im Dienste einer „zivilisierteren Gesellschaft ohne Antisemitismus und Intoleranz“ in aller Vorläufigkeit anschließen, die darum weiß, dass wir Christen diese Verbindung gewaltförmig gelöst haben.
Beides die Verbindung und die diese Verbindung zerstörende Gewalt erkenne ich in dem Triptychon. Die Figur „Offenbarung“, Jesus in ganzer Körperlichkeit und doch schon mit dem Kelch in der Hand, der kommen wird, aber eben ganz bei sich ist: Wahre Identität, wie es in dem Flyer der Gemeinde heißt. Sie wird gemordet, zerrissen. Das Bild des Galgens, an dem die Reste eines Körpers hängen, verweigert die Sinngebung durch das Kreuz, das in manchen Gegenden in jeder Schule, auf jeden Fall aber in den meisten Kirchen das Skandalon eher verdeckt, als es sichtbar zu machen. Diese Skulptur von Rosen verweigert die schnelle Zustimmung zu dem Satz, dass dieser Tod Jesu der Wille Gottes gewesen sei, schon gar irgendeine Sinngebung in dieser Richtung für die Vernichtung der Juden. „Aufruhr gegen Gott“ nannte Lothar Kreyssig, der Gründer von Aktion Sühnezeichen, diesen Völkermord. Hier spüren wir auch, wie heikel und gewagt das Triptychon konzipiert, wie schmal der Grat ist, auf dem es steht. Kein wie auch immer positives Aufladen der Massenmorde ist möglich, wie es doch in der christlichen Tradition mit dem Mord an Jesus geschah, der aber nur durch die Auferweckung und nur von ihr her diese Aufladung erlaubt. Und so kann ich die dritte Figur, die im Flyer der Gemeinde als königliche Erhebung des Leibes „als Zeichen der unbesiegbaren Wiedererstehung des Geistes“ beschrieben ist, nur als solidarischen Auferweckten, als ohnmächtigen Teilhabenden mit dem maßlosen Leid, das nicht in Auferweckung mündete und brutale Gewalt bleibt, verstehen, der die Male der Versehrtheit trägt, assoziativ an den Muselmanen der Vernichtungslager erinnert, der der Gewalt nicht mehr widerstehen kann und jeden Lebenswillen aufgegeben hat. Diese fast unaushaltbare Spannung in das Verstehen von Kreuz und Auferstehung zu bringen, die noch das Bedrohtsein der Auferweckung, also das Bedrohtsein der Verheißung durch den Mord an dem Volk Gottes, dies in christliches Bewusstsein einzuschreiben, könnte das Produktive an diesem Triptychon sein; ein Moment der Angefochtenheit und darin, dass wir uns dies nahe kommen lassen, auch ein Moment der Hoffnung auf Umkehr, neue Wege und vielleicht die ausstehende Verbindung „christlicher und jüdischer Ethik und Glaubenslehre.“
Dr. Christian Staffa,
Geschäftsführer von Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste
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