Reaktionen auf das Triptychon in der Heilig-Kreuz-Kirche
2. Ingrid Schmidt
Begegnung mit dem „Christus im Holocaust“ von Ismond Rosen
Ein Sonntagmorgen im November 2009 in der Heilig- Kreuz-Kirche. Durch die Fenster mit den hohen Verstrebungen leuchtet das Herbstlaub der in den Himmel strebenden Bäume. Aber der Blick ins Freie wird festgehalten durch das Galgenholz im Altarraum. Was da den Blick nicht unverstellt ins „Freie“ zulässt, ist ein zerschlagener, zerrissener Torso, ein Körper von Folter und Schmerz zerstört. Mag der Blick des suchenden Auges sich noch so sehnen, das Licht, das Freie, das Draußen wahrzunehmen, an dem erschreckend störenden zerschundenen, zerbrochenen Marterleib kommt die Wahrnehmung nicht vorbei.
Mit der Wahl dieses Ortes ist die Erkenntnis vorbereitet: Es gibt keinen „Blick ins Freie“ mehr ohne die Wahrnehmung der Schoa. Es gibt keine „unschuldige“ Ästhetik in einer Kirche mehr. Auch dem Raum der Kirche muss man das Geschehene abspüren können, so wie man es der Liturgie, der Musik und der Predigt anmerken muss. So etwas muss Theodor W. Adorno gemeint haben, als er es als unmöglich erachtete, nach der Schoa noch ein Gedicht schreiben zu können.
Der Gemarterte ist gestaltet von einem jüdischen Künstler. Er nannte ihn „Christus im Holocaust“. Diese unmittelbare Erinnerung an die Schoa an diesem zentralen Ort in der Kirche vor dem hellen Fenster spricht auch fast 15 Jahre nach seiner Aufstellung eine prophetische Sprache: Es gibt keinen unverstellten Blick in die Freiheit. In unseren Visionen und Hoffnungen wird ‚Auschwitz’ als mitgehende Erinnerung präsent bleiben. Die beiden Figuren links und rechts vom Galgen – von Ismond Rosen „Offenbarung“ und „Echo/ der Überlebende“ genannt - zeugen geradlinig von Hoffnung, ihnen wohnt eine Spur von Trotzenergie inne.
Ein jüdischer Künstler gestaltet den Gekreuzigten und nennt ihn „Christus“? Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts sahen junge jüdische Künstler, vor allem in Osteuropa, in „Christus deinen Bruder des Dichters, einen Kunstgenossen, einen bewundernswerten Wundertäter“ (Avram Kampf). Sie verehrten in ihm den „Juden, der, wie sie selbst es nun von neuem versuchten, den Himmel des Judentums hatte erweitern wollen.“
Der jüdische Maler Marc Chagall erzählt mit seiner
„Weißen Kreuzigung“, gemalt im Jahre 1938, von anderen Erfahrungen seines Volkes: Jesus, Jude, den Gebetsschal um den Leib gebunden, hängt am Kreuz inmitten von Vertreibung, Heimatlosigkeit und Vernichtung. – In diesem Jahr 1938 – wenige Wochen vor den Novemberpogromen in Deutschland – sind in der Kirche Zum Heiligen Kreuz anlässlich des 50jährigen Kirchenjubiläums folgende Sätze zu hören: „Wir preisen den Herrn der Geschichte, dass er unserm Volk einen Adolf Hitler zum Führer, zum Retter und zum Befreier von 10 Millionen Volksgenossen aus der Knechtschaft gegeben hat.“
Das war keine einsame Stimme, hier sprach einer, der sich der Zustimmung vieler gewiss sein konnte (s. Chronik der Kirche „Kreuz und Pickelhaube“, 1995).
Am Bußtag des Jahres 1996 wurde das Triptychon „Christus im Holocaust“ der Kirchengemeinde als Geschenk des Künstlers übergeben. Ismond Rosen schrieb über sein Werk: „Im schöpferischen Geist der Versöhnung soll die Erinnerung daran Christen und Juden aneinander binden in einer Welt, in der alle Menschen gleich geachtet werden.“
Und heute? Der Internationale Rat der Christen und Juden (ICCJ) veröffentlichte einen Aufruf „zur Schaffung eines neuen Verhältnisses zwischen Juden und Christen“ (Juli 2009). Darin heißt es: „Wir laden Juden, Christen und Muslime gemeinsam mit allen Menschen des Glaubens und guten Willens ein, einander stets zu respektieren und die Unterschiede und die Würde des jeweils Anderen zu achten.“ (Der Text ist zu finden unter: www.iccj.org/de)
Ingrid Schmidt
Gymnasiallehrerin i. R. (Ev. Religion) und Dozentin in der kirchlichen Erwachsenenbildung
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